„Raus! Nur raus!“

EINE ERKUNDUNGSTOUR DURCH DAS LITERARISCHE HAMBURG

Mit dem Fahrrad durch das literarische Hamburg

Hamburg hat viel zu bieten: Vom Hafen über die Reeperbahn und die Alster bis zum Stadtpark gibt es allerhand zu besichtigen. Doch die Hansestadt ist nicht nur maritim, grün und historisch – sondern auch literarisch. Unser Bild von der Stadt, ihr Mythos und ihre Bedeutung werden in ganz besonderer Weise auch von Literatur und ihren Schauplätzen geprägt.

Für literarische Streifzüge im Stadtraum eignet sich kein anderes Fortbewegungsmittel so gut wie das Fahrrad. Wir haben euch bereits eine schöne Tour zum Nachfahren durch das literarische Altona vorgestellt – entlang der Elbe und durch Othmarschen und Ottensen. Dieses Mal begeben wir uns gemeinsam auf eine rund 18 Kilometer lange Erkundungstour, auf der ihr fünf Schauplätze der Hansestadt auf ganz neue Art mit eurem Rad entdecken könnt.

Die Lombardsbrücke und das Literaturhaus

Los geht die Fahrt an der Lombardsbrücke. Sie markiert nicht nur den alten Verlauf der Stadtbefestigung, die die Außenalster von der Binnenalster trennte. Die Brücke taucht auch in der Literatur häufig auf. Zum Beispiel ist sie Angelpunkt einer kleinen Geschichte, die Erich Nossack 1972 für ein „Merian“-Heft verfasst hat. Nossack hat die Brücke zu einem Gedankenort gemacht, an den man gehen kann, um sich zu vergewissern, wo man steht. Nehmt euch also hier einen Moment Zeit und lasst eure Gedanken schweifen!

Text im Buch: „Begegnung mit einem Engel: Die Lombardsbrücke“ von Annemarie Stoltenberg

Von der Lombardsbrücke führt die Route mit dem Fahrrad an der Außenalster entlang – und lädt zu einer herrlichen Aussicht ein. Das Ziel dieses wunderschönen Abschnitts? Das Literaturhaus. Seit 1989 ist die weiße Villa am Schwanenwik auf der Uhlenhorst der Ort in Hamburg, an dem Literaturnobelpreisträger*innen und Nachwuchsautor*innen, Künstler*innen, Philosoph*innen und Diskutierfreudige mit Leser*innen zusammenkommen. Da, wo heute Autor*innen lesen, tanzten übrigens bis 1938 Schülerinnen der Choreografiekoryphäen Rudolf von Laban und Lola Rogge. Danach war das heutige Literaturhaus ein „Wohnheim für weibliche Lehrlinge, Durchgangsheim für gefährdete weibliche Jugendliche und Schutzhaftstelle für Aufgegriffene“, der Saal war eine Abstellkammer und die Buchhandlung das Direktorinnenbüro. Erst 1987 wichen alle Zeugnisse der Mädchenheimära den aufwendigen Restaurierungen und der Literaturhausverein machte das Haus zu einem lebendigen öffentlichen Ort.

Text im Buch: „Unter Engeln: Das Literaturhaus“ von Antje Flemming

Der Anleger und die Buchhandlung Lüders

Nach diesem Abstecher, der mit einem Besuch im Literaturhauscafé kulinarisch abgerundet werden kann, geht es weiter an der Außenalster Richtung Norden. Angekommen am „Anleger“, den es schon seit 1919 gibt, trefft ihr mit etwas Glück auf Schreibende, meistens auf Lesende und fast immer auf Alltagsflüchtende. Eigentlich ist der Anleger nur ein Bootsverleih mit Büdchen, Liegestühlen und Loungesesseln, und doch zieht er Literaturliebhaber, wie den Autor Stefan Beuse, an: „Die Zehen im Sand vergraben, ein Bier in der Hand, wird der Blick vom Vorbeiziehen der Boote angenehm schwer und die Gedanken fliegen.“

Text im Buch: „Aus der Zeit gefallen: Der Anleger“ von Stefan Beuse

Nach einer Runde Entspannung heißt es jetzt wieder: kräftig in die Pedale treten. Denn von hier aus führt die Route weiter nach Eimsbüttel, genauer gesagt in die Buchhandlung Lüders. Ein verwinkeltes Geschäft, das aus alten Regalen gebaut zu sein worden scheint und bis an die Decke mit Büchern voll ist. Die Buchhandlung ist ein magischer Ort, der zum Verweilen und zum Entdecken einlädt und an dem man nicht selten auch Autor*innen beim Bücherkauf begegnet. Der Laden, der auch ein Antiquariat ist, wird seit seiner Gründung im Jahr 1956 als Familienunternehmen geführt. Vielleicht hat er deswegen seinen besonderen Charme nie verloren. Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere unabhängige Buchhandlungen in Hamburg.

Text im Buch: „Magischer Ort: Die Buchhandlung Lüders“ von Sebastian Stuertz

Die Brücke 10 – und zurück zur Lombardsbrücke

Nach dem Stöbern in der Buchhandlung sind die Landungsbrücken das letzte Ziel unserer Radtour – genauer gesagt die Brücke 10. Hier, mitten in der Stadt, kann man Schiffe, Container und Barkassen beobachten, den Blick übers Meer schweifen lassen oder den Möwen hinterherschauen. Für die Autorin Rasha Khayat vermittelt dieser Ort ein Gefühl der Freiheit. Ein Gefühl von Zuhause. Ein Gefühl, das man unbedingt selbst erlebt haben sollte. Nachdem ihr euch an der Brücke 10 reichlich Zeit genommen, eure Sorgen vergessen und euch vielleicht noch mit einem Fischbrötchen gestärkt habt, endet die Tour mit dem Rückweg zur Lombardsbrücke.

Text im Buch: „Zuhause: Die Brücke 10“ von Rasha Khayat

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Zum Nachfahren

Alle Schauplätze lassen sich wunderbar mit dem Fahrrad erkunden und zu einer schönen Tour entlang der Alster und durch Uhlenhorst, Eppendorf, Eimsbüttel und das Portugiesenviertel verbinden. Was ihr dafür braucht? Euer Fahrrad und ein paar Stunden eurer Zeit. Also, worauf wartet ihr noch?

„Raus! Nur raus! Unterwegs zu Lieblingsorten der Hamburger Literatur“

Ihr wollt noch mehr zu den vorgestellten Orten erfahren oder weitere literarische Schauplätze der Hansestadt entdecken? Dann nehmt das Buch „Raus! Nur raus! Unterwegs zu Lieblingsorten der Hamburger Literatur“ mit auf eure Tour. Es wurde von der Kulturbehörde und dem Literaturhaus herausgegeben, ist im Junius Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich. In dem 120-seitigen, ungewöhnlichen Stadtführer im praktischen Taschenformat erzählen rund 50 Akteur*innen der Hamburger Literaturszene in ihren ganz subjektiven Texten von besonderen Orten und laden ein zum Besinnen, Erleben und Flanieren durch die Hansestadt. Das Projekt wurde im Sommer 2020 von der Behörde für Kultur und Medien sowie dem Literaturhaus Hamburg initiiert, Herausgeberinnen sind Antje Flemming und Carolin Löher. Der Erlös des Buches fließt direkt in die Literatur in Hamburg.